Meerbusch, 25. September 2025
Liebe Schwester,
wenn ich heute als dein ältester Bruder – zehn Jahre nach deinem Tod – an dich denke, dann sehe ich nicht zuerst die Krankheit, die dich so früh aus dem Leben gerissen hat. Ich sehe deine Stärke und Entschlossenheit, als du – selbst schwer krank – die Kraft fandst, unserem Vater Theo einfühlsam und würdevoll die Wahrheit zu sagen, was wir Brüder nicht auszusprechen wagten.
Unser Vater hatte über Jahrzehnte mit großer Hingabe seine Anwaltskanzlei aufgebaut, sie war sein Lebenselixier, sie war sein geistiger Anker. Aber mit 89 Jahren war er gesundheitlich und geistig nicht mehr in der Lage, diese seine Kanzlei zu führen, sie wurde zunehmend zu einem Spiegel seiner inneren Zerbrechlichkeit.
Wir Brüder sahen es. Wir spürten es. Doch keiner von uns hatte den Mut, es auszusprechen. Vielleicht aus Respekt, vielleicht aus Angst, ihm das letzte Stück Würde zu nehmen. Du warst es, die den Mut hatte, selbst Anwältin, in einem Gespräch die richtigen Worte zu finden.
Und dann tatst du das Unvorstellbare: Du hast die Kanzlei in wenigen Wochen geschlossen, mit Klarheit und Effizienz.
Ich denke oft an diese Zeit zurück. An die Gespräche, die wir führten – und die, die wir nicht führten. Und immer wieder kehren meine Gedanken an dich zurück. An deine Stärke und deinen Mut.
Wir Brüder sind dir bis heute dafür dankbar. Und dieses Buch, das wir zu deinem zehnten Todestag schreiben, ist ein Versuch, dir etwas zurückzugeben.
Dein ältester Bruder
Hans